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Zuletzt aktualisiert: 24. Juni 2021

Mit verschiedenen Maßnahmen der Wirtschaftspolitik ist es einem Staat möglich im Sinne der wirtschaftspolitischen Ziele regelnd und gestaltend in die Wirtschaft einzugreifen und zu lenken. Dabei wird häufig von dem sogenannten magischen Viereck gesprochen. Doch was genau hat es mit diesem Begriff auf sich?

In unserem umfangreichen Ratgeber zum Thema magisches Viereck wirst du erfahren, was das magische Viereck ist und welche Funktion es in der Wirtschaftspolitik erfüllt. Das soll dir dabei helfen das Handeln der Politik zu verstehen und Entscheidungen besser nachvollziehen zu können.




Das Wichtigste in Kürze

  • Das magische Viereck ist ein Modell, welches Anwendung in der Wirtschaftspolitik findet und die Ziele des Stabilitätsgesetzes beschreibt. Zu den Zielen gehört das Wirtschaftswachstum, die Preisniveaustabilität, die Vollbeschäftigung und das außenwirtschaftliche Gleichgewicht. (1)
  • Die Ziele des magischen Vierecks lassen sich in erster Linie in komplementäre und konkurrierende Ziele unterscheiden, die entweder Zielharmonien oder Zielkonflikte bewirken können.
  • Das magische Sechseck stellt eine Erweiterung des magischen Vierecks dar und ergänzt es um zwei weitere Ziele. Sowohl bei diesem Modell als auch beim magischen Viereck können jedoch niemals alle Ziele gleichzeitig erreicht werden. (2, 3)

Hintergründe: Was ist das magische Viereck?

Bevor du dazu fähig bist, politische Entscheidung zukünftig besser vorhersagen zu können, solltest du einige Grundlagen zum magischen Viereck wissen. In den folgenden Abschnitten werden wir daher auf die wichtigsten Hintergründe und Informationen zum magischen Viereck eingehen.

Was ist das magische Viereck und welche wirtschaftspolitischen Ziele beinhaltet es?

Bei dem magischen Viereck handelt es sich um ein Modell, welches die im Stabilitätsgesetz verankerten Ziele der Wirtschaftspolitik bündelt und auf ein gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht in einer Volkswirtschaft zielt.

Ein gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht kann erst bestehen, wenn alle vier Ziele erreicht sind.

Die Bezeichnung magisch leitet sich dabei von der Tatsache ab, dass einige Ziele teilweise im Konflikt stehen, sodass niemals alle Ziele gleichzeitig erreicht werden können. (1, 4)

Folgende Ziele beinhaltet das magische Viereck:

  • stabiles und angemessenes Wirtschaftswachstum
  • außenwirtschaftliches Gleichgewicht
  • Preisniveaustabilität
  • Vollbeschäftigung

Ein Ziel des magischen Vierecks ist ein stabiles und angemessenes Wirtschaftswachstum. Das Bruttosozialprodukt soll stetig wachsen. Dafür sind sowohl der Bildungsstand der Bevölkerung, ein technischer Fortschritt und eine fortschrittliche Infrastruktur als auch eine hohe Sparrate zur Investitionsfinanzierung wichtige Komponenten.

Ohne ein Wirtschaftswachstum kann der Lebensstandard einer Bevölkerung im Land nicht gesteigert, Vollbeschäftigung nicht erreicht und soziale Spannungen nicht abgebaut werden. Neben dem Wirtschaftswachstum nimmt auch das außenwirtschaftliche Gleichgewicht eine bedeutende Rolle im magischen Viereck ein. Einfuhr und Ausfuhr von Waren, Dienstleistungen oder Zahlungen müssen stets ausgeglichen sein.

Dies ist wichtig, um Inflation oder Deflation zu verhindern. Ein weiteres Ziel des magischen Vierecks ist die Preisniveaustabilität. Diese soll gewährleisten, dass das Geld seine Funktion behält und die Wirtschaft weiter wachsen kann.

Vervollständigt wird das magische Viereck durch einen hohen Beschäftigungsstand. Die Arbeitslosigkeit soll möglichst gering bleiben. Besonders für den sozialen Frieden ist eine Vollbeschäftigung essentiell. Allerdings muss stets zwischen der Art der Arbeitslosigkeit unterschieden werden, denn während die saisonale Arbeitslosigkeit nur temporär ist, bringt die strukturelle Arbeitslosigkeit viele Probleme mit sich. (2)

Wie ist das magische Viereck entstanden?

Mit dem Stabilitätsgesetz, das heißt dem „Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft“, wurden 1967 in Deutschland vier Ziele festgelegt, mit denen die anhaltende Rezession gestoppt und das Wirtschaftswachstum wieder angekurbelt werden sollte.

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Das Stabilitätsgesetz wurde 1967 vom Deutschen Bundestag verabschiedet. (Bildquelle: Unsplash / Tom Radetzki)

Es handelt sich dabei um Gerechtigkeit, Wohlstand, Freiheit und Sicherheit. Da diese Ziele allerdings nicht messbar sind, wurden Indikatoren festgelegt, die sich messen lassen und insgesamt als das magische Viereck bezeichnet werden. (5)

Wie werden die einzelnen Indikatoren des magischen Vierecks gemessen?

Um zu überprüfen, ob die im Stabilitätsgesetz verankerten Ziele auch tatsächlich eingehalten werden, müssen die Indikatoren des magischen Vierecks stetig gemessen werden. Gleichzeitig ermöglicht dies eine Prognose für die wirtschaftliche Entwicklung. Die folgende Tabelle gibt dir einen Überblick über die Ziele und deren zugehörigen Messgrößen, bevor wir darauf noch einmal genauer eingehen:

Ziel Messgröße
Wirtschaftswachstum Bruttoinlandsprodukt
Preisniveaustabilität Verbraucherpreisindex (Inflationsrate)
Vollbeschäftigung Arbeitslosenquote und Anzahl der Erwerbstätigen
Außenwirtschaftliches Gleichgewicht Außenbeitragsquote

Wie wird das Wirtschaftswachstum gemessen?

Steigt das Bruttoinlandsprodukt, dann liegt Wirtschaftswachstum vor. Das Bruttoinlandsprodukt definiert den jährlichen Geldwert aller Waren und Dienstleistungen, die innerhalb eines Landes erbracht werden. Dabei liegt der Zielwert zwischen 2 und 3 Prozent.

Wie wird das stabile Preisniveau gemessen?

Preisniveaustabilität wird über den Verbraucherpreisindex des Statistischen Bundesamtes ermittelt. Die Inflationsrate gibt dabei Aufschluss über die Entwicklung der Kaufkraft, das heißt dem Anstieg der Preise im Vergleich zu einem Warenkorb des letzten Jahres. Die Inflationsrate muss möglichst niedrig bleiben. Trotz dessen ist eine geringe Inflation sogar erwünscht, um beispielsweise eine Deflation vorzubeugen.

Wie wird der Beschäftigungsstand gemessen?

Der Beschäftigungsstand wird anhand der Arbeitslosenquote bestimmt. Unvermeidbar, aber zugleich auch angestrebt wird dabei eine geringe Arbeitslosigkeit. Das wiederum bedeutet, dass eine Vollbeschäftigung nicht mit einer Arbeitslosenquote von 0 Prozent gleichzusetzen ist.

Als Vollbeschäftigung gilt in einer Volkswirtschaft eine Arbeitslosenquote unter 4 Prozent. Darüber hinaus wird der Beschäftigungsstand aber auch durch die Anzahl der Erwerbstätigen ermittelt. (5)

Wie wird das außenwirtschaftliche Gleichgewicht gemessen?

Die sogenannte Zahlungsbilanz gibt Aufschluss über das außenwirtschaftliche Gleichgewicht. Diese wird mithilfe der Außenbeitragsquote gemessen, welche man erhält, indem der Außenbeitrag (Exporte minus Importe) durch das nominale Bruttoinlandsprodukt dividiert und anschließend mit 100 multipliziert wird.

Welche Zielbeziehungen ergeben sich im magischen Viereck?

Im magischen Viereck ergeben sich zahlreiche Zielbeziehungen. Im Allgemeinen lässt sich zwischen komplementären Zielen, die zu Zielharmonien führen können, konkurrierenden Zielen, die Zielkonflikte entstehen lassen, und indifferente Zielen unterscheiden. Diese beeinflussen sich weder positiv noch negativ. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die Zielbeziehungen im magischen Viereck:

Art der Zielbeziehung Anwendung im magischen Viereck
Konkurrierende Ziele Wirtschaftswachstum und Preisniveaustabilität
Komplementäre Ziele Wirtschaftswachstum und Vollbeschäftigung (Inflationsrate)
Indifferente Ziele Außenwirtschaftliches Gleichgewicht und Vollbeschäftigung

Ein Beispiel dafür ist die Beziehung zwischen dem außenwirtschaftlichen Gleichgewicht und der Vollbeschäftigung. Ein Zielkonflikt ergibt sich beispielsweise zwischen dem Wirtschaftswachstum und der Preisstabilität, denn diese lassen sich nicht miteinander vereinen.

Befindet sich die Konjunktur in einem Aufstieg, dann steigt die Nachfrage. Folglich bewirkt der Anstieg der Aktienkurse eine Erhöhung der Preise, was wiederum zu einer steigenden Inflation führt.

Zwischen den Zielen Wirtschaftswachstum und Vollbeschäftigung besteht hingegen ein positiver Zusammenhang. In Folge eines Konjunkturaufschwungs ist eine verstärkte Produktion notwendig. Unternehmen stellen daher mehr Arbeiter ein. Diese Zielharmonie kann sich jedoch bei einer Rezession auch in einen Zielkonflikt wandeln.

Welche Vor- und Nachteile hat das magische Viereck?

Ein Vorteil des magischen Vierecks, welcher vor allem Privatpersonen betrifft, stellt die Möglichkeit dar, das politische Handeln besser verstehen und politische Entscheidungen besser vorhersagen zu können. Darüber hinaus kann das magische Viereck als Grundlage für wirtschaftspolitische Entscheidungen dienen.

Zu den Nachteilen des magischen Vierecks gehört hingegen, dass das Verfolgen eines Ziels bereits Konsequenzen in Bezug auf ein anderes Ziel mit sich bringen kann. Darüber hinaus können niemals alle vier Ziele gleichzeitig erreicht werden. Allein der Versuch kann weitreichende Folgen wie eine steigende Arbeitslosigkeit und Inflation sowie sinkende Investitionen mit sich bringen. (2)

Was ist ein Alternativmodell des magischen Vierecks?

Während das magische Viereck nur vier Ziele beinhaltet, definiert das magische Sechseck sechs Ziele der Wirtschaftspolitik.

Umweltschutz und gerechte Einkommensverteilung sind zusätzliche Ziele, die das magische Sechseck aufgreift.

Dadurch, dass es allerdings die Ziele Wirtschaftswachstum, Preisniveaustabilität, Beschäftigungsstand und außenwirtschaftliches Gleichgewicht übernommen hat, gilt es als Erweiterung des klassischen Modells. Das magische Sechseck bildet demnach zusätzlich die Ziele Umweltschutz und gerechte Einkommensverteilung ab.

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Eine wachsende Wirtschaft geht häufig einher mit einer verstärkten Umweltverschmutzung. Daher ist ein Ziel im Magischen Sechseck der Umweltschutz, damit auch nachfolgende Generationen noch in einer lebenswerten Umwelt leben können. (Bildquelle: Unsplash / Marcin Jozwiak)

Umweltschutz bezieht sich dabei in erster Linie auf den Schutz von Ressourcen. So wurde 1994 die Erhaltung einer lebenswerten Umwelt als Ziel im Grundgesetz verankert. Hingegen ist die gerechte Einkommensverteilung besonders essentiell für den sozialen Frieden im Land.

Zu den Maßnahmen für eine gerechte Einkommensverteilung gehören daher unter anderem die gerechte Lohn- sowie Steuererhöhung, sodass die Schere zwischen Arm und Reich sich nicht weiter ausweitet. Doch wie auch bei dem magischen Viereck können auch bei dem magischen Sechseck niemals alle Ziele gleichzeitig erreicht werden. (3)

Welche Rolle spielt die Inflation im magischen Sechseck?

Ein Modell, das bei der Realisierung der Ziele im magischen Sechseck sehr häufig angewendet wird, ist die Phillips-Kurve. Diese stellt den negativen Zusammenhang zwischen der Arbeitslosenquote und der Inflationsrate dar. Steigt die Inflationsrate, dann sinkt die Arbeitslosenquote. Für Preisniveaustabilität muss jedoch auf Vollbeschäftigung verzichtet werden. Folglich ist die Arbeitslosenquote weiterhin hoch, während die Inflation sinkt. (6)

Mittlerweile wird die Phillips-Kurve allerdings vielfach kritisiert. Ein Kritikpunkt betrifft den Zusammenhang zwischen der Inflationsrate und dem Beschäftigungsstand. So wird angebracht, dass die Inflation auch steigen kann, wenn sich der Beschäftigungsstand erhöht. Darüber hinaus kann das Wirtschaftswachstum die Inflation weiter in die Höhe treiben. (7)

Welche Spannungsfelder ergeben sich darüber hinaus im magischen Sechseck?

Auch zwischen den Zielen Wirtschaftswachstum und Umweltschutz kann sich ein Zielkonflikt ergeben. Im Zuge von Umweltvorschriften müssen Unternehmen zahlreiche Investitionen tätigen. Infolgedessen erhöhen sich die Ausgaben, das Kapital sinkt und die Gewinne schrumpfen. Gleichzeitig führt ein Wirtschaftswachstum, das heißt eine gesteigerte Produktion, zu einer zunehmenden Umweltbelastung durch Müll oder Abgase.

Fazit

Die Wirtschaftspolitik hat die Aufgabe, dass die Wirtschaft wächst, die Preise stabil bleiben, Importe und Exporte ausgeglichen sind und neue Arbeitsplätze entstehen. Das magische Viereck bietet daher eine gute Darstellungsmöglichkeit, welches eine klare Eingrenzung schafft und zudem auch gewisse Zielbeziehungen aufzeigt. Vor allem in Diskussionen lässt sich klar mit dem magischen Viereck argumentieren.

Mittlerweile wird das magische Viereck jedoch häufig infrage gestellt. Da das Modell nun mehr als 50 Jahre alt ist, fordern viele Kritiker in Anbetracht der Digitalisierung oder des Klimawandels eine Aktualisierung, um sich entsprechend der heutigen Zeit anzupassen. Trotz dessen stellt das magische Viereck einen guten Ansatz dar und ist daher auch immer noch ein häufig genutztes Modell in der Wirtschaftspolitik.

Bildquelle: Markus Spiske / Unsplash

Einzelnachweise (7)

1. Klitzsch, Wolfram: Grundbegriffe der Wirtschaft. 2019: 455-471.
Quelle

2. Scheuring, Franz: Ziele und Zielkonflikte der Wirtschaftspolitik. In: VWL für Berufsschulen. Wiesbaden 1997: 78-85.
Quelle

3. Beeker, Detlef: Wirtschaftspolitik: Kompakt und praxisorientiert. 2011.
Quelle

4. Gesetze im Internet: Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft § 1
Quelle

5. Brüssel, Christoph: Vom Magischen Viereck über ein Sechseck zum Vieleck. In: Die Agenda 2030 als Magisches Vieleck der Nachhaltigkeit. 2019: 73-94.
Quelle

6. Gabler Wirtschaftslexikon: Phillips-Kurve.
Quelle

7. ResearchGate: Die Phillipskurve und ihre Gültigkeit für Deutschland.
Quelle

Warum kannst du mir vertrauen?

Wirtschaftslexikon
Klitzsch, Wolfram: Grundbegriffe der Wirtschaft. 2019: 455-471.
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Fachbuch
Scheuring, Franz: Ziele und Zielkonflikte der Wirtschaftspolitik. In: VWL für Berufsschulen. Wiesbaden 1997: 78-85.
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Fachbuch
Beeker, Detlef: Wirtschaftspolitik: Kompakt und praxisorientiert. 2011.
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Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz
Gesetze im Internet: Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft § 1
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Fachbuch
Brüssel, Christoph: Vom Magischen Viereck über ein Sechseck zum Vieleck. In: Die Agenda 2030 als Magisches Vieleck der Nachhaltigkeit. 2019: 73-94.
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Wirtschaftslexikon
Gabler Wirtschaftslexikon: Phillips-Kurve.
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Internetbeitrag
ResearchGate: Die Phillipskurve und ihre Gültigkeit für Deutschland.
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