Zuletzt aktualisiert: 1. Juli 2021

Es gibt immer mehr Ältere, die Rente beziehen und immer weniger Jüngere, die die Kosten der Rente tragen können. Das deutsche Rentensystem steht kurz vor dem Kollaps. Wer nicht die Beitragshöhen oder das Rentenniveau erhöhen möchte, muss am Renteneintrittsalter schrauben. Immer öfter wird die Rente mit 70 diskutiert. Wird sie zur Wirklichkeit oder gibt es eine alternative Lösung?

In diesem Artikel erklären wir dir, was es mit der Rente mit 70 auf sich hat und wie sinnvoll sie tatsächlich ist. Außerdem stellen wir dir eine Alternative zur Rente mit 70 vor. Weiterhin erhälst du eine Antwort auf die meist gestellten Fragen, damit du dir deine eigene differenzierte Meinung zum Thema bilden kannst.




Das Wichtigste in Kürze

  • Das deutsche Rentensystem basiert auf einem Umlageverfahren, bei dem die Jüngeren die Rente der Älteren durch Beiträge finanzieren. Da es immer mehr Ältere als Jüngere gibt und die Lebenserwartung steigt, steht das Rentensystem kurz vor dem Kollaps. Wer weder die Beitragshöhe noch das Rentenniveau ändern möchte, muss das Renteneintrittsalter auf mindestens 70 erhöhen.
  • Allerdings sind viele Menschen körperlich und psychisch nicht in der Lage, bis 70 zu arbeiten. Gleichzeitig löst die Rente mit 70 nicht das Problem der steigenden Altersarmut, da diese meist Menschen betrifft, die vorzeitig in Rente gehen mussten.
  • Eine Alternative schlägt die Hans-Böckler-Stiftung vor. Diese möchte den Fokus auf den Arbeitsmarkt richten und damit auf die Erwerbstätigen. So muss das Renteneintrittsalter nicht erhöht werden.

Hintergründe: Was ist die Rente mit 70?

Das Rentensystem in Deutschland möchte möglichst gerecht sein. In den folgenden Abschnitten werden wir dir alle wichtigen Informationen zur Rente mit 70 erläutern, damit du bestens informiert bist.

Was bedeutet Rente mit 70?

Hinter dem viel diskutierten und debattiertem Begriff steht eine Forderung der Deutschen Bundesbank. Diese möchte das Renteneintrittsalter erhöhen. Konkret heißt das, dass Menschen wieder länger arbeiten sollen. Bei einer Rente mit 70 sollen die Deutschen also erst mit 70 Jahren in Rente gehen können. So soll der drohende Kollaps des Rentensystems aufgefangen werden.

Wie sieht die aktuelle Lage aus?

Das deutsche Rentensystem steht vor einem drohenden Kollaps. Die Lebenserwartung in Deutschland steigt. Ein Baby, das heute auf die Welt kommt, hat eine fünfzigprozentige Chance, hundert Jahre alt zu werden. Gleichzeitig sinkt die Geburtenrate: immer weniger Menschen kommen zur Welt.

Wenn nun also immer mehr Menschen immer länger Rente beziehen, und die jungen Menschen immer weniger werden, bedeutet das eine massive finanzielle Belastung für die jüngere Generation.(1)

Durch die steigende Lebenserwartung und die sinkende Geburtsrate steht das deutsche Rentensystem kurz vor dem Kollaps.

Im Jahr 1960 kamen noch zwanzig Ältere über 65 auf hundert Jüngere. Heutzutage sind es bereits 30 Ältere. Bis ins Jahr 2030 wird sich dieser Altersquotient verdoppeln, sodass hundert Jüngere für 50 bis 60 Ältere über 65 sorgen müssen. Statistiken bestätigen, dass die Erwerbsbevölkerung bis 2050 um 16 Prozent sinken wird.(2)

Deshalb werden Schreie nach einer Änderung immer lauter. Die einzige Alternative dazu wäre, die Beitragssätze stark anzuheben oder das Rentenniveau zu senken. Beides ist so unpopulär, dass die Regierung in ihrem Koalitionsvertrag versprochen hat, das Rentenniveau bis 2025 bei mindestens 48 Prozent zu halten. Gleichzeitig dürfen die Beiträge nicht auf über 20 Prozent steigen. Somit bleibt als einziger Ausweg nur noch die Änderung des Renteneintrittsalters.

Immer wenige junge Menschen müssen die Rente von immer mehr älteren Menschen tragen. (Bildquelle: Pexels / Andrea Piacquadio)

Damit das Renteneintrittsalter stabil bleiben kann, müsste es theoretisch auf über 70 Jahre ansteigen. Ansonsten bräuchte es 500.000 neue Zuwanderer. Das haben Auswertungen verschiedener Wirtschaftsinstitute ergeben. Ex-Ifo Chef Hans-Werner Sinn hat sogar errechnet, dass mindestens 32 Millionen erwerbsfähige Migranten benötigt werden, um das Rentenniveau bis in die 2030er-Jahre konstant halten zu können. Allerdings ist dieses Szenario nicht sehr realistisch.(4)

Wer will die Rente mit 70 einführen?

In der Diskussion um eine Reform des Rentensystems und der Rentenversicherung hat die Deutsche Bundesbank eine Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre gefordert. Sie argumentiert, dass nur so das System stabil gehalten werden kann.(5) Unterstützt wird dieser Vorschlag auch von anderen internationalen Organisationen wie der EU-Kommission, dem IWF oder der OECD.

In der Politik kam dieser Vorschlag nicht gut an. Die SPD, Grünen und Linken kritisieren die Rente mit 70 und wollen stattdessen nach einer anderen Strategie suchen. Der Vorschlag der Bundesbank ist so unpopulär, dass die aktuelle Regierung in ihrem Koalitionsvertrag festgehalten hat, dass das Rentenniveau bis 2025 bei mindestens 48 Prozent bleibt und die Beiträge nicht auf über 20 Prozent steigen.

Ist die Rente mit 70 gerecht?

Viele Experten sehen in der Erhöhung des Renteneintrittsalters einen Fehler. Laut dem Deutschen Gewerkschaftsbund gehen viele ältere Arbeitsnehmer vor dem gesetzlich festgelegten Alter in Rente. Statistiken bestätigen, dass das durchschnittliche Renteneintrittsalter bei 64 Jahren liegt. (6)

Das liegt vor allem an den körperlichen und psychischen Voraussetzungen, der steigenden Altersarmut und einer höheren Arbeitslosenquote im Alter. Im Folgenden gehen wir genauer darauf ein.

  • Körperliche und psychische Voraussetzungen: Die Lebenserwartung der Menschen steigt zwar, allerdings verbessern sich damit nicht automatisch die körperlichen und psychischen Voraussetzungen für ein längeres Arbeitsleben. Menschen, die ihr Leben lang körperlich hart gearbeitet haben, können oft nicht bis 67 oder sogar 70 weiterarbeiten.
  • Altersarmut: Wer früher in Rente gehen muss, als gesetzlich bestimmt, hat ein höheres Risiko in Altersarmut zu fallen. Auswertungen der DIW zufolge wird die Altersarmut in den kommen Jahren ansteigen. (7) Das gesetzliche Rentenniveau von 48 Prozent ist im Vergleich zu anderen Ländern sehr niedrig. Diese Menschen können sich oft keine private Vorsorge leisten oder haben kein Erspartes.
  • Arbeitslosenquote: Je älter man wird, desto schwerer ist es, Arbeit zu finden. Die Arbeitslosenquote für ältere Menschen liegt über dem Durchschnitt. Wenn das Renteneintrittsalter auf 70 Jahre erhöht wird, kann das sehr viele Menschen belasten. Sie könnten dann gezwungen sein, frühzeitig und mit Abschlägen in Rente zu gehen.

Wer länger arbeitet, lebt länger - ist die Rente mit 70 so schlecht?

Die Rente mit 70 muss allerdings nicht nur schlecht sein. Die Arbeit ist für einen Großteil der Bevölkerung der einzige soziale Kontaktpunkt mit anderen Menschen.

Für viele Menschen ist die Arbeit der einzige soziale Kontaktpunkt mit anderen Menschen.

Sobald dieser wegfällt, vereinsamen viele Menschen und können mitunter auch früher sterben. Viele Rentner gehen deshalb einer bezahlen Beschäftigung nach, auch wenn sie diese finanziell nicht unbedingt benötigen. Sie suchen nach einer sozialen Integration, die jeder Mensch nötig hat.

Gibt es eine Alternative zur Rente mit 70?

Die Hans-Böckler-Stiftung hat einen alternativen Ansatz präsentiert. Sie gehen davon aus, dass die etablierten Rechnungen von einer falschen Grundlage ausgehen. Diese stellen die Zahl der nominell erwerbsfähigen Bevölkerung die der potentiellen Rentner gegenüber. Das bedeutet, dass Menschen zwischen 15 und 64 Jahren Menschen ab 65 Jahren gegenübergestellt werden.

Stattdessen unterscheidet die Stiftung zwischen Erwerbstätigen und Transferempfängern. Zu Transferempfängern gehören demnach auch Hartz-IV-Empfänger. So ergibt sich ein neues Bild der Situation.

Anstatt einer demografischen Abhängigkeitsquote von 32 Prozent(3) ergibt sich bei dieser neuen Unterscheidung ein Verhältnis von 56 Prozent. Es gibt also weniger Menschen, die Geld verdienten, als solche, die es als Transfer vom Staat bekommen.

Wer den Großteil seines Lebens gearbeitet hat, muss die Möglichkeit besitzen, arbeitsfrei leben zu können. (Bildquelle: Pexels / Monica Silvestre)

Diese Zahlen beinhalten allerdings auch Ein-Euro- und Minijobber. Deshalb ermittelten die Forscher in einer weiteren Rechnung nur jene Menschen, die ihren eigenen Lebensunterhalt finanzieren können. Die sogenannte ökonomische Abhängigkeitsquote ist doppelt so hoch wie die demografische und liegt bei etwa 68 Prozent.

Hier setzt der Lösungsvorschlag der Hans-Blöcker-Stiftung an. Sie setzen den Fokus auf die Erwerbstätigkeit und damit auf den Arbeitsmarkt. Ältere Männer, aber auch Frauen, arbeiten oft nur im Minijobbereich. Wenn diese in den Arbeitsmarkt integriert würden, könnte die ökonomische Abhängigkeitsquote gesenkt werden.

Allerdings geben auch die Forscher der Stiftung zu, dass sich der demografische Wandel nicht über den Arbeitsmarkt abfangen lässt. Deshalb schlagen auch sie vor, die Beitragshöhe zu erhöhen. Dennoch: eine Erhöhung des Renteneintrittsalters ist in ihren Augen nicht erforderlich.(8)

Ist eine private Vorsorge sinnvoll?

Laut Statistiken besaßen im Jahr 2020 etwa 15 Millionen Menschen in Deutschland eine private Rentenversicherung. (9) Sich privat abzusichern, um im höheren Alter nicht in der Altersarmut zu landen, erscheint sinnvoll.

Allgemein gilt die gesetzliche Rentenversicherung als sicherer und rentabler als die private. Da das System auf einem Umlageverfahren basiert, finanzieren die Erwerbstätigen durch Beiträge die Rentner. Das bedeutet, dass sie nicht dem Risiko von Aktien oder Zinsen unterliegen.

Außerdem sind die Kosten einer privaten Rentenversicherung hoch. Hier fallen nämlich zusätzliche Kosten wie Provisions- oder Marketingkosten an. Weiterhin sichern sie nicht Fälle wie Erwerbsminderung oder Arbeitslosigkeit ab.

Die gesetzliche Rentenversicherung ist sicherer und rentabler als die private.

Es muss jedoch nicht immer eine Rentenversicherung sein. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, ein sicheres Einkommen im Alter zu generieren. Dazu gehört natürlich unter Anderem eine Rentenversicherung, allerdings kannst du auch durch Mieteinnahmen, Fondssparplänen, Unternehmensbeteiligungen und ETFs profitieren.

Am Besten informierst du dich genau über eine zukünftige Altersvorsorge. Wichtig ist, dass du nicht tatenlos zu Hause sitzt, sondern einfach anfängst.

Wann kommt die Rente mit 70?

Bis zum Jahr 2030 scheint die Finanzierung des Rentensystems noch möglich zu sein. Möglich ist das durch die Einführung der Rente mit 67 im Jahr 2010. Der demografische Wandel, der eingesetzt hat, wird seine Auswirkungen erst in den 2030er-Jahren offenbaren.

Zu diesem Zeitpunkt gehen die "Baby-Boomer" in Rente, also die Jahrgänge, die zwischen 1950 und 1970 geboren worden sind. Nach Berechnungen der Deutschen Bundesbank bedeutet das, dass Geburtenjahrgänge ab 2001 mit 69 Jahren regulär in Rente gehen müssten.

Fazit

Das deutsche Rentensystem steht vor einem drohenden Kollaps. Während die Lebenserwartung steigt, sinkt die Geburtenrate. Infolgedessen gibt es immer mehr ältere Menschen, die Rente beziehen, aber immer weniger jüngere Menschen, die Beiträge zahlen. Um einen Kollaps zu verhindern, wird die Rente mit 70 diskutiert.

Experten sind der Meinung, dass dieses Konzept ein Fehler ist. Viele Menschen sind nach langer körperlicher oder psychischer Arbeit nicht in der Lage, bis 70 zu arbeiten. Außerdem löst die Rente mit 70 nicht das Problem der Altersarmut, die in den kommen Jahren ansteigen wird. Eine Alternative schlägt die Hans-Böckler-Stiftung vor. Sie setzen den Fokus auf den Arbeitsmarkt und damit auf die Erwerbstätigen.

Wenn Frauen und ältere Menschen, die oft nur in Minijobs oder gar nicht arbeiteten, in den Arbeitsmarkt integriert würden, könnte die ökonomische Abhängigkeitsquote gesenkt werden. Allerdings sind auch sie der Meinung, dass der Arbeitsmarkt alleine nicht den drohenden Kollaps verhindern kann. Eine Erhöhung des Renteneintrittsalters wollen sie nicht, stattdessen wollen sie die Beitragshöhe ändern.

Titelbild: Silviarita / Pixabay

Einzelnachweise (9)

1. DIW Berlin: Ist die Rente mit 70 gerecht? Marcel Fratzscher, 28.10.2019
Quelle

2. destatis: Ergebnisse der 14. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung, Stand 4.07.2019
Quelle

3. Statista.de: Deutschland: Verhältnis der "inaktiven" Bevölkerung ab 65 Jahre zur gesamten Erwerbsbevölkerung von 2000 bis 2050, 31.12.2008
Quelle

4. Focus Online: "Um unseren Lebensstandard zu halten, bräuchten wir 32 Millionen Migranten" Antonia Schäfer, 10.02.17
Quelle

5. Deutsche Bundesbank: Langfristige Perspektiven der gesetzlichen Rentenversicherung. Monatsbericht Oktober 2019.
Quelle

6. Statista.de: Entwicklung des durchschnittlichen Renteneintrittsalters in Deutschland in den Jahren von 1960 bis 2019, 6.12.2020
Quelle

7. Johannes Geyer, Hermann Buslei, Patricia Gallego-Granados, Peter Haan Anstieg der Altersarmut in Deutschland: Wie wirken verschiedene Rentenreformen? Bertelsmann-Stiftung. 2019. DOI 10.11586/2019050
Quelle

8. Erik Türk, Florian Blank, Camille Logeay, Josef Wöss, Rudolf Zwiener: Den Demografischen Wandel bewältigen: Die Schlüsselrolle des Arbeitsmarktes. IMK Report 137. April 2018
Quelle

9. Statista.de: Anzahl der Personen in Deutschland, die eine private Rentenversicherung im Haushalt haben, von 2014 bis 2020, 8.01.2021
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Statista.de: Entwicklung des durchschnittlichen Renteneintrittsalters in Deutschland in den Jahren von 1960 bis 2019, 6.12.2020
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Wissenschaftliche Studie
Johannes Geyer, Hermann Buslei, Patricia Gallego-Granados, Peter Haan Anstieg der Altersarmut in Deutschland: Wie wirken verschiedene Rentenreformen? Bertelsmann-Stiftung. 2019. DOI 10.11586/2019050
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Erik Türk, Florian Blank, Camille Logeay, Josef Wöss, Rudolf Zwiener: Den Demografischen Wandel bewältigen: Die Schlüsselrolle des Arbeitsmarktes. IMK Report 137. April 2018
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